Zur Entstehungsgeschichte meines Romans »DADA«

Ein Anwendungsbeispiel des autofiktionalen Schreibens:

Das Buch ist hauptsächlich während dreier Schreibphasen entstanden. Seit 1983 studierte ich in Frankfurt Philosophie und Germanistik, später auch lateinische Philologie, und neben Referaten für die Uni verfasste ich von Anfang an auch literarische Texte. Die beiden längsten Kapitel des Buches, »Dada« und »Junger Mann« (das anfangs schlicht »Dada 2« hieß), entstanden zuerst, um meine Erinnerungen an meinen Vater (er starb 1978 im Alter von 43, ich war 16) festzuhalten. Über die literarische Relevanz war ich mir nicht sicher. Ich erinnere mich aber an eine Lesung im Frankfurter Dreikönigskeller, wo ich Passagen der Texte vortrug und positive Resonanz aus dem Publikum erfuhr. In den Neunzigern tippte ich die Texte mehrfach ab und erweiterte sie. Für eine Erzählung waren sie zu lang, für ein Buch zu kurz, also blieben sie erst einmal liegen.

Zweite Phase: Um 2017 herum lernte ich den Größenwahn-Verlag und seinen Verleger Sevastos Sampsounis kennen. Er ermunterte mich, Erzählungen aus meiner Kindheit und Jugend für einen Erzählungsband zu verfassen. Zwangsläufig tauchte darin auch mein Vater auf, auch wenn der Schwerpunkt ein anderer war. Für dieses – dann nicht zustande gekommene – Projekt entstanden z. B. die Kapitel »Kaum zu glauben«, »Timeout«, »Heiße Räder« und »Parallelwelten«. Auch wenn diese Texte autobiografisch geprägt sind, verdankt sich ihre Entstehung doch, anders als die Texte der Achtziger, einem genuin literarischen Vorhaben. »Nacht, Raum, Entscheidung«, die Erzählung, die dann das Anfangskapitel des Buches wurde, reichte ich für den Würth-Literaturpreis ein, und sie schaffte es 2017 in die Auswahl für die jährliche Anthologie.

Dieser Text inspirierte auch die dritte Phase der Entstehung des Buches. Denn er erzählt einen familiären Moment nach dem Tod des Vaters. Die Frage, was nach und aufgrund des Schicksalsschlages mit der Familie passierte, eröffnete ein weites Feld der literarischen Bearbeitung, nachzulesen ab dem Kapitel »Weiter« bis zum Ende des Buches, und führte 2022 auch zur Vision des ganzen Buches, in der alle genannten Texte sowie auch die um die Vaterperson kreisenden Traum- und Phantasie-Erzählungen, die über die Jahrzehnte entstanden waren, plötzlich einen Sinn als Ganzes, als Komposition machten. Ohne diese literarische Gesamtschau wäre es nicht zum Buch und zur Bezeichnung »Roman« gekommen. Im Sinne dieser Leitidee, die damals »Leerstelle Vater« hieß, überarbeitete ich alle Texte mehrfach, entschied mich auch für das historische Präsens. Das Ganze schickte ich an mehrere Verlage, und es freut mich sehr, dass gerade so ein junger, experimentierfreudiger Verlag wie kul-ja! publishing sich für das Manuskript begeisterte.

Eine Schwierigkeit entstand allerdings, als der Roman schon fertig und vom Verlag angenommen war. Eine wichtige Person wollte nicht im Text vorkommen. Ein Schlag ins Kontor! Das Herausschreiben war dann – immer aus literarischer Sicht, denn einen autobiografischen Sinn hatte das Buch schon längst nicht mehr – keine ganz einfache Operation. Es entstanden Unwuchten, bestimmte Motive (zum Beispiel das Stockbett) mussten neu beschrieben und bewertet, Situationen nicht nur gestrichen, sondern neu erfunden, neu geschrieben werden. Realität, oder die Frage, wie es wirklich war, spielte hier keine Rolle mehr, nur noch im Sinne der Stimmigkeit, des nachvollziehbaren Zusammenhangs des Ganzen.

Jedes neue Buch verdankt sich älteren Büchern. Daher möchte ich meine Einflüsse während dieser 30, inzwischen fast vierzig Jahre, in denen DADA entstand, nicht unerwähnt lassen. Ich hatte, wenn ich es genau rekapituliere, einen gewissen Hang zu Autoren (Autorinnen natürlich mitgemeint), in deren Werk Autobiographisches und Autofiktion eine große Rolle spielen. Noch aus dem elterlichen Bücherschrank griff ich die Briefe und das Tagebuch von Felix Hartlaub (erschienen Mitte der fünfziger Jahre), die einen unverstellten Blick auf den Alltag und das Soldatenleben im Krieg vermittelten. Früh inspirierten mich dann die beiden sehr unterschiedlichen Tagebücher von Max Frisch (die »Tagebuch« heißen, eigentlich aber autofiktionale Werke sind) aus den fünfziger und Ende der sechziger Jahren. In den Achtzigern entdeckte ich die ergreifende Erzählung »Wunschloses Unglück« von Peter Handke (erschienen 1973), und las später seine tagebuchartigen Aufzeichnungen aus Paris »Das Gewicht der Welt« und Salzburg »Die Geschichte des Bleistifts«. Auch einzelne, stark autobiografisch geprägte Werke wie »Der Mann im Jasmin« von Unica Zürn, später »Weiter leben« von Ruth Klüger, oder »Lügen in Zeiten des Krieges« von Louis Begley prägten Stil und Stoffauswahl für das eigene Schreiben. Wie sehr mir schon damals die literarische Transformation des autobiografischen Stoffs wichtig war, zeigte sich für mich an „Mars“ von Fritz Zorn, einem erschütternden, tragisch endenden Lebensbericht. Die Nähe zur Autobiografie des Autors, ja, das Identischsein mit ihr, war für mich literarisch unbefriedigend. In den Neunzigern waren die Tagebücher von Victor Klemperer: »Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten«, ein wichtiger Einfluss. Hierher gehört auch das ebenfalls unter Lebensgefahr entstandene Stuttgarter Tagebuch von Anna Haag »Denken ist heute überhaupt nicht mehr in Mode«, das allerdings erst 2021 bei reclam erschien. Die nuller und zehner Jahre sind geprägt von den autobiografischen Werken Elias Canettis, »Die gerettete Zunge«, »Die Fackel im Ohr« und »Das Augenspiel«, sowie auch vom autofiktionalen Werk Hermann Lenz‘ mit seinem Alter Ego Eugen Rapp. Auch die Abschaffel-Trilogie Wilhelm Genazinos gehört in diese Phase. Selbst schrieb ich damals ausschließlich Tagebuch. Wieder einen Schritt in Richtung Fiktionalisierung gingen für mich ab Mitte den zehner Jahre die Werke Peter Kurzecks.  Übrigens durfte ich den Autor kurz vor seinem Tod in Frankfurt bei einer Lesung erleben, die selbst vor allem eine mündliche »Erzählung« war. Ein Hauch von Kurzecks Stil dürfte auch auf den letzten Kapiteln von DADA liegen, ab Seite 163: »Weiter«. Was ich mit dieser – unvollständigen – Liste wichtiger Einflüsse sagen will: Auch auf mein Buch, das vielleicht einen kleinen Beitrag leistet, trifft der Spruch Bernhard von Chartres‘ von den Zwergen, die nur deshalb etwas sehen, weil sie auf den Schultern von Riesen stehen, voll und ganz zu.

Autofiktion

Ich möchte den Begriff der Autofiktion aus der Perspektive der Schreibenden, nicht der Lesenden oder Wissenschaftler begreifen. Es kommt mir auf die Motivation an, in bestimmter Weise zu schreiben oder nicht, sowie die praktischen Implikationen für Schreibende, die aus einer Entscheidung zur Autofiktion folgen. Als Kontrastfolie dient hier die Autobiografie.

Die Autobiografie ist der Wahrheit verpflichtet, der autofiktionale Text der Wahrhaftigkeit. Für die Autobiografie sollten die Schreibenden zur Not Archivarbeit betreiben oder Zeitzeugeninterviews führen, um der Wahrheit, die ihnen selbst womöglich nicht mehr präsent ist (zum Beispiel für die Zeit der Kindheit), auf die Spur zu kommen. Das können autofiktional Schreibende ebenfalls tun, aber sie füllen die entsprechenden Leerstellen in der Erinnerung eher durch Fiktion, solange sie nur dem retroaktiven Gefühl für diese Periode entspricht.

    Gute Autobiografien sind auch literarisch gute Texte. Sollten sie es nicht sein, haben sie trotzdem einen gewissen dokumentarischen Wert, besonders,  wenn sie in  einen wichtigen historischen Zeitraum fallen, für den es autobiographische Zeugnisse braucht.  Autofiktionale Texte dagegen spekulieren aufs Ganze: Sind sie literarisch nicht überzeugend, fällt ihr Wert als Dokument ins Bodenlose. Daher ist für autofiktional Schreibende literarische Qualität die einzige Währung, womit ihre Texte zu messen sind und daher legen sie darauf höchsten Wert.

    Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist das der Vollständigkeit. Autobiografien umfassen möglichst vollständig die Lebensspanne bis zum Zeitpunkt, an dem sie geschrieben werden. Sie haben als Auslöser oft einen Bruch im Leben, auf hin den sie dann geschrieben werden. Autofiktionale Texte können bewusst nur einen Teil oder Aspekt des eigenen Lebens thematisieren. Situationen, Ereignisse und Personen interessieren in autofiktionalen Texten nur, insoweit sie exemplarisch sind, das heißt beispielhaft stehen für Ereignisse einer ganzen Generation oder historischen Epoche, für die Menschen einer ganzen Gesellschaft.

    Die Entwicklung von der Biografie zur Fiktion resultiert auch aus der Einsicht, dass es die eine, wahre, objektive Lebenserzählung, die auf etwas fußt, was schon vorhanden ist, nicht gibt. Jede Erzählung vom eigenen Leben ist in diesem Sinne fiktional. Das eröffnet autofiktionalen Texten ein weites Feld literarischer Gestaltung. Sie können als Fantasy, als Krimi, als Bericht, als Traumerzählung, als Zukunftsvision, auch als Gedicht daherkommen. Allerdings können daraus auch Konflikte entstehen. Da der Anteil literarischer Gestaltung bei der Autofiktion höher ist, können sich dargestellte Personen falsch, zu intim, missgünstig oder verzerrt dargestellt fühlen und vom Autor verlangen, dies zu ändern. Im schlimmsten Fall kann es bei schon erschienenen Büchern zu gerichtlich verfügten Schwärzungen aufgrund der Verletzung von Persönlichkeitsrechten kommen. Bei autofiktional Schreibenden kann dies auch zu einer Art Selbstzensur führen, indem sie über bestimmte Ereignisse oder Personen nicht schreiben, weil das zu Konflikten mit Betroffenen führen könnte. Diese Gefahr besteht bei der mehr auf Objektivität zielenden, andererseits weniger authentischen und subjektiven Autobiografie weniger. Dieser Aspekt beleuchtet klar die Grenzen der Autofiktion, wenn es um literarische Freiheit geht.

    Nochmals zum  Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Sollte ein Leser / Wissenschaftler wissen wollen, wie es denn wirklich gewesen ist, greift er eher zur Autobiografie als zum autofiktionalen Text. In punkto Wahrheit und Wahrhaftigkeit besteht allerdings keine strikte Trennung zwischen beiden Genres. Eine Autobiografie überzeugt nicht ohne Wahrhaftigkeit, sie sollte keine reine Aufzählung von Fakten sein, ohne die Motive und die Sichtweise des Schreibenden wenigstens transparent zu machen. Und ein autofiktionaler Text entstünde nicht ohne den biografischen Stoff und die durch bestimmte Lebenssituationen bedingte Dringlichkeit. Er entfernt sich dann aber mehr oder weniger von der biografischen Basis, indem er seiner literarischen Vision folgt. Allerdings: So wie keine Autobiografie ohne gelungene literarische Gestaltung auskommt, kommt generell kein literarischer Text ohne die persönliche, biografisch lesbare, Dringlichkeit und Verbundenheit mit der Person der Schreibenden aus, unabhängig davon, ob ein autofiktionaler oder „rein“ literarischer Text ohne Verbindung zur Biografie des Schreibenden entsteht. In der Diktion, der „Handschrift“, dem Stil, der Stoffauswahl bleiben immer die Personen der Schreibenden im Text präsent.

    Autobiografien entstehen aufgrund bestimmter lebensgeschichtlicher Ereignisse, zum Beispiel dem nahenden Lebensende oder, wie oft bei Promis, aufgrund eines überragenden Publikumsinteresses. Sie müssen allerdings nicht Teil des Buchmarkts werden. Anders als Lebenserinnerungen von Prominenten oder Politikern kann das Zielpublikum von privaten Autobiografien auch die eigene Familie oder künftige Generationen sein. Autofiktionale Texte dagegen verdanken sich einer genuin literarischen Vision, die auf ein Publikum gerichtet ist. Das kann eine Erzählung des gesamten Lebens sein, aber auch bestimmte Aspekte oder Zeitspannen der Biografie herausgreifen, die dann auch nicht unter dem eigenen Namen firmieren müssen. Autofiktion ist frei, sich der gesamten Palette literarischer Genres zu bedienen. Dennoch basieren diese Texte auf der eigenen Biografie, sind ohne sie nicht denkbar.

    Gegenüber reinen Phantasieerzählungen versprechen autofiktionale Texte eine hohe Glaubwürdigkeit, da sie zumindest Anteile von biografisch Erlebtem enthalten. Die Autobiografien, die eigene oder auch Elemente anderer Lebensläufe enthalten, dienen also, ohne selbst als solche in Erscheinung zu treten, für autofiktionale Texte wie ein Steinbruch, der viel vom Material enthält, das den autofiktionalen Text ausmacht. Aber wie die Steine des Steinbruchs das Gebäude, das daraus entsteht, nicht in sich tragen, fügt der autofiktionale Text der Autobiografie Aspekte hinzu, die nicht in ihr enthalten sind. Er formt etwas Neues.

    Schreiben gegen das Verstummen

    Ein Text ist immer auch ein Versuch, eine Imperfektion auszugleichen, hin zum abermaligen Verstummen, ersehnt und befürchtet zugleich. Stumm sein heißt für den Schriftsteller, es gibt nichts mehr zu schreiben, ich bin eins mit meiner Rolle und der Welt. Die Hölle. Nicht verstummt sein, Werke zu schaffen, heißt also, etwas stimmt nicht mit mir und der Welt, und wenn ich auch leide an diesem Bruch, dieser Unstimmigkeit, dieser Verschiebung, hoffe ich inständig, sie möge nicht enden, denn es gäbe nichts mehr auszugleichen, nichts mehr zu schreiben.

    Klang

    Es nützt nichts, von der Schönheit der Sätze Kurzecks zu sprechen oder den rauen Repetitionen der Miles-Davis-Band in der Carnegie Hall 1972. Es nützt nichts, diesen Klang dingbar zu machen, solange er nicht erfahren wird. Was sich zum Klingen bringt, ist nicht sichtbar, hörbar, buchstabierbar, auch wenn wir nur unsere Sinne haben, es zu vernehmen,.

    Der Klang, den ich meine, ist nicht ein einzelner Ton, wie ein Baby lacht, ein Glöckchen bimmelt oder das Meer rauscht. Der Klang den ich meine, entsteht, wenn eine Band über Jahre zusammenspielt, wenn sie nach nervigen Übungsnächten, endlosen Wiederholungen der immer gleichen Stücke, die sie mit Hitze im Leib immer neu interpretieren, nach Dramen und Versöhnungen, wenn diese Band einen Sound entwickelt und gut zusammenspielt. Wenn die Bemühung aufhört, Mühe zu sein, wenn ein Fließen entsteht. Dieser Klang ist nicht vorhersagbar und ist einzigartig. Nicht hörbar, nicht sichtbar, nicht behauptbar, aber er vermittelt sich..

    Der Klang, den ich meine, bringt sich im Zuschauer, Hörer, Leser selbst zum Klingen, er erscheint dem Horchenden und verändert sein Leben. Er liegt in der unvorhersehbaren Wendung, die eine Story nimmt – sogar der Autor selbst wusste nichts davon. Im Strich des Malers, der ihn gelernt, geübt, bezweifelt, an ihm verzweifelt ist und sich in einer Nacht voll fremder Gedanken ein Blatt, einen Umschlag, ein Stück Stoff nimmt und ohne Nachdenken eine Welt darauf entstehen lässt. Dieser Klang ist Widerhall, Resonanz der Entstehung, von Harmonie und Disharmonie, des Rätsels vom Ursprung.

    Schreiben – für wen?

    Schreiben – für wen?

    „Denn kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft.“ (Walter Benjamin in „Die Aufgabe des Übersetzers“)

    „Wir schreiben doch sowieso nur für uns selbst!“ Die Bemerkung einer Schriftstellerfreundin, die in ihrer Bestimmtheit, aber auch Einseitigkeit bei mir vielleicht ein inneres Abwinken bewirkt hätte, à la ‚Das habe ich jetzt nicht zum ersten Mal gehört, trotzdem will ich meine Texte publizieren und nicht nur für mich selbst behalten‘ – diesmal löste der Satz etwas in mir aus, ein Innehalten und eine Art Ehrgeiz, mir darüber einmal richtig Rechenschaft abzulegen, warum es mir nicht egal ist, ob meine Schreibereien in der Schublade verstauben oder von anderen gelesen, und, wenn es gut läuft, erspürt und wertgeschätzt werden. Ich empfand einen tiefen Zwiespalt, oder eine Zwiespältigkeit, die wohl in der Sache, dem Schreiben, selbst begründet ist. „Ja und nein“, signalisierte ich der Freundin erst einmal, womit sie sich für den Moment zufrieden gab. 

    Ja, klar schreibe ich für mich selbst, weil das Gefühl, einen selbst fabrizierten Gedanken, eine selbst fabrizierte Formulierung zu Papier gebracht zu haben, ganz unvergleichlich ist. Befriedigung und Stolz, Zärtlichkeit und Fürsorge wie für ein eigenes Kind. Eine Geschichte (einen Essay , ein Gedicht, einen Roman) abzuschließen, übertrifft diese Erfahrung noch um ein Vielfaches. Das Empfinden einer Stärke, Ruhe, Zufriedenheit das mich nicht nur Im Moment des Verfassens erfasst, sondern Stunden, Tage, Monate anhält. Eine Spur der tiefen Sinnerfahrung, die das Schreiben schenkt, trage ich noch von den ersten Texten aus eigener Feder in mir. Schreiben ist Gott in sich spürbar machen. Da ist es nur natürlich, diese Erfahrung auch anderen mitteilen zu wollen, oder? Womit der Spruch, dass wir nur für uns selbst schreiben, schon widerlegt wäre. Aber mit der Natürlichkeit einer Sache kann man alles und nichts begründen, also nichts.

    Als „freier“ Autor ohne Auftrag diktiert mir niemand, was ich schreiben soll (außer vielleicht Klischeevorstellungen, die mir, einmal erkannt, das Vergnügen am vorgeblich eigenen Gedanken schmälern). Den Stolz der eigenen Produktion habe ich erst einmal für mich allein. Dass ich die Begeisterung am eigenen Text teilen möchte, ist Kehrseite derselben Medaille. Warum eigentlich, könnte man fragen, warum kann ich nicht die Füße stillhalten und mich mit der – für mich – gelungenen Produktion zufrieden geben? Lehren nicht die Erfahrungen der Zurückweisung, Gleichgültigkeit, oder der unqualifizierten Beurteilung, die jeder Autor zeitweise ertragen muss, wenn er seine Werke dem Publikum zugänglich macht, führen solche Erfahrungen nicht dazu, das Publizieren Hartleibigeren zu überlassen und sich ganz auf die persönliche Begeisterung und Sinnerfahrung beim Verfassen von Texten zurückzuziehen? 

    Die Sprache ist nun mal ein gemeinsames Gut, sie ist ein Kulturgut, das wir uns allmählich aneignen, nicht wie die Stimme, die angeboren ist. Und wenn es um Kreativität und die Tätigkeit des Autors / der Autorin geht, reden wir ja nicht von einer Art Drogenerfahrung, sondern vom Erschaffen von Werken, die im gemeinsamen Medium der Sprache entstehen (so wie auch andere Künste das Material gemeinsamer Eindrücke organisieren). Der Stolz aufs eigene Werk erhält mit der Zeit einen schalen Beigeschmack, wenn er nicht, zumindest versuchsweise, mit anderen geteilt wird. Sei auch die Begeisterung noch so groß, so ist mit ihr der Zweifel verschwistert, ob mich nicht doch nur ein Surrogat verblendet, oder ob es mir mit dem Werk gelungen ist, die Menschheit wenigstens ein Stückweit aus dem Tal der Belanglosigkeit zu führen. Entscheidend ist: Diese Frage können nur andere beantworten.

    Anmerkungen zum Vokabular der Querdenker-Szene

    Schon klar, dass man den Querdenkern (schade um das schöne Wort!) nicht mit Fakten kommen kann, sie bewegen sich jenseits der Fakten. Um Aufmerksamkeit zu erregen, um aufzuhetzen, bedienen sie sich eines Vokabulars, das die Angst schüren soll, Krieg und Diktatur stünden unmittelbar bevor. Das hat mit Realität wenig, aber viel mit manipulativem Populismus zu tun. Zwei Beispiele.

    Abschaffung der Grundrechte.

    Die AHA-Regel ist in der gegenwärtigen Lage die besten Waffe gegen das Virus. Ihre Wirkung ist wissenschaftlich bewiesen. Viele Querdenker sagen jetzt, nein, stimmt nicht, was ihr Wissenschaftler da sagt, ist mir egal. Ich lass mir meine Grundrechte nicht nehmen. Okay, man kann auch den Klimawandel leugnen oder behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist. Was eine solche Haltung bewirkt, sehen wir in den USA, wo das Virus bisher fast 250 000 Menschen (Stand 15.11.) das Leben kostete. Da ist mir die wissenschaftsinformierte Politik in Deutschland lieber. Im Oktober vermehrten  sich die Ansteckungszahlen rasant, wie in den meisten europäischen Ländern. Man musste handeln, um die Zahl der Kontakte zu verringern. Die Maßnahmen haben eine zeitlich begrenzte Einschränkung der Grundrechte zur Folge. Als Autor bin ich selbst ein Teil der Kulturbranche, daher kann ich nicht sagen, dass mich die getroffenen Maßnahmen begeistern. Ich respektiere sie jedoch, weil ich davon ausgehe, dass mich die Regierung nicht austrickst oder hintergeht. Sie ist weder durch Putsch noch durch Betrug, sondern durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen, das verschafft ihr Legitimität. Was nicht heißt, dass man alles gut heißen müsste. Die mangelnde, erst nachträgliche Einbeziehung des Parlaments ist zu kritisieren. Vielleicht wären in einer vorausgehenden Parlamentsdebatte noch vernünftigere Maßnahmen herausgekommen als in der Ministerpräsidentenrunde, zum Beispiel flächendeckende Versorgung mit Klimageräten, kluge Schnellteststrategien oder ähnliches. Hier besteht im Regierungshandeln methodischer Nachholbedarf. Aber wie die Querdenker der Regierung das Vorhaben zu unterstellen, die Grundrechte abschaffen zu wollen, ist faktenfreier Populismus.

    Ermächtigungsgesetz.

    Das neueste rote Tuch in der Querdenker-Szene ist die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes.  Diese bezeichnet man als „Ermächtigungsgesetz“ und wittert die Aushebelung des Grundgesetzes. Die Neufassung, so verstehe ich es, möchte mit den Bestimmungen des §28 nur die Maßnahmen, die sich in der Krise als notwendig erwiesen haben, auf gesicherte rechtliche Beine stellen. Sollten dabei inhaltliche oder handwerkliche Fehler unterlaufen sein, können das in unserem Staat immer noch Gerichte feststellen und eine Nachbesserung verlangen. Nebenbei: Um Bestimmungen des Grundgesetzes zu ändern, benötigt das Parlament eine Zweidrittelmehrheit. Dies wird mit dem neuen Infektionsschutzgesetz nicht nötig sein, schon dies allein zeigt, wie abwegig der Vergleich mit dem Ermächtigungsgesetz der Nazis ist, mit dem sie der Weimarer Verfassung den Todesstoß versetzten. Übrigens enthält das Grundgesetz auch Axiome, die selbst mit einer Zweidrittelmehrheit nicht abgeschafft werden können. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist und bleibt, garantiert übrigens auch, dass es keine Impfpflicht gegen das Coronavirus geben kann.

    Niemand verbietet den Querdenkern, anderer Meinung zu sein und zu demonstrieren. Aber sich dabei über die AHA-Regel hinwegzusetzen, nehme ich als Verhöhnung der über eine Million Opfer wahr, die das Virus weltweit schon gefordert hat. Niemand, der mit dem Tod ringende Corona-Patienten auf den Intensivstationen gesehen hat, wird sich hier einreihen. Für die zeitlich begrenzten Eindämmungsmaßnahmen der Regierung Vokabeln aus Krieg und Diktatur zu bemühen – die Reden der Querdenker wimmeln nur so davon –  hey, wir können immer noch sagen was wir wollen, unsere Häuser stehen, wir kriegen im Supermarkt alles, kurven auf den Straßen herum, als wäre nichts. Wisst Ihr eigentlich, wovon Ihr redet?

    Vertrau den ungenauen Zeichen

    Lesung am 30. Januar 2020 in der Hofbibliothek Aschaffenburg mit den Main-Reimern. Beeindruckend, wie voll der Saal war, anders als in den zurückliegenden Jahren, wo die Zahl der Vortragenden nur knapp die der Zuschauer unterbot. Um die 60 Frauen und Männer kamen zur Jahreslesung des „Verein zur Förderung der Dichtung am Untermain“. In der Mehrzahl Ältere, einige auch jünger als die Vortragenden. Ein Erfolg, wenn auch nicht der überwältigende, den die Poetry Slams Ende neunziger, Anfang der nuller Jahre gerade bei jungen Leuten hatte. Das war ja nach der Literaturflaute der End-Achtziger und beginnenden Neunziger eine wahre Revolution. Die Slams aber werden in den letzten Jahren, trotz des anhaltenden Erfolgs bei jungen Leuten und in den Medien, immer schematischer, zugleich professioneller und beliebiger. 

    Was bewegt die Leute, eine Poesiedarbietung zu besuchen, bei der es nicht in erster Linie um Ablenkung und Unterhaltung, nicht um Wettbewerb wie bei den Slams, nicht um die besten Schenkelklopfer und die schrillsten Lacher geht? Angesichts der gesellschaftlichen Brüche, der Umweltsituation, der besorgniserregenden Weltlage mit populistischen oder revanchistischen Politikern und Parteien an der Macht, und das in Demokratien, die bisher als wegweisend galten, angesichts dieser steigenden und sich ausbreitenden Unsicherheit und Verdunkelung wächst das Bedürfnis nach Halt, Orientierung, einer ausgestreckten Hand.

    Kann das Lyrik bieten? In ihr geht es nicht um Erklärung, schon gar nicht um ein fest gefügtes Weltbild, das schon Politik und Religion zur Genüge verbreiten. Es herrscht eine große Müdigkeit, eine Gleichgültigkeit gegenüber Erklärungsmustern, die aus Weltbildern erwachsen. Lyrik schert sich nicht um Ideologien und kann gerade deshalb so erhellend sein. Es geht um die flüchtigen Ideen, Gedanken, Eindrücke, für die ein Weltbild-Vertreter keine Antennen hat, die aber, gebannt als literarische Form, Schneisen in den Dschungel eines verbauten, gefährdeten und ausgelaugten Lebens schlagen. Dichtung bietet diese kurzen Ausblicke, nicht Lösungen, nur Andeutungen einer Richtung, an die vorher niemand dachte. Das ist das Ermutigende, das Denken über den Tellerrand, die Fesseln sprengende Wahrnehmung, womit uns die Lyrik beschenkt. In der verhärteten Welt der Welterklärer erlebt die Lyrik so, als Statthalter der Aufklärung, eine unerwartete Renaissance.

    Spinnfaden-Poetik

    Gute-Laune-Schriftstellerei ist nicht mein Talent. Ich winke nicht mit bunten Fetzen. Bin nicht leicht wahrnehmbar, geschweige wertzuschätzen in einer Szene, literarischen, kulturellen Szene, wo es ums Auffallen, Laut-sein, Grell-sein geht. Die Schockelemente zählen. Originalität bemisst sich an Anstößigkeit. Selbst wenn ich wollte, kann das, wird das nicht meine Welt sein. Einlassen muss man sich aber schon. Wie Spinnfäden schweben meine Sätze durchs Land, schimmern in Regenbogenfarben, definieren ein Bild, formen ein Gelände. Verfangen sich, Haltepunkte ermöglichen Hinschauen, Spüren, ein Glühen, ein Regesein. Fäden der Aufmerksamkeit werden ausgeworfen, es formt sich ein Netz, ein Bild. Wenn du nur liest, dann hab ich dich!

    Überflüssige Wörter

    Eigentlich. Im Grunde. Sozusagen. Ehrlich gesagt: Mich inspirieren die überflüssigen Wörter, denn sie erzählen etwas über die Person, die sie verwendet. Über die gemeinte Aussage hinaus kommunizieren Menschen auch über Halbsätze, abgebrochene Sätze, überflüssige Worte. Die sind also in Wahrheit gar nicht überflüssig. Mindestens ebenso interessant wie der semantische Inhalt einer Aussage ist doch sein performativer Sinn, ist der künstlerische, ästhetische Ausdruck, der damit verbunden ist. Wie eine Aussage verstanden werden kann, das kommt auch immer auf die Situation, den Erzählzusammenhang, den Satzzusammenhang an. 

    Für mich als Autor sind überflüssige Wörter willkommenes Material. In meinem „Klartext“ setzte ich die Floskel „Ich sag mal“ so übertrieben ein, dass daraus ein Rhythmus und eine Geschichte entstand. Das war ein Glücksfall, und es gelingt mir nicht mit allem überflüssigen Zeugs, was tagein, tagaus geredet wird, funktionierende Sprechtexte zu komponieren. 

    Ich horche auf, wenn ich Floskeln höre. Sicher: Ein literarischer, geschriebener Text, dem dauernd Floskeln unterlaufen, ist einfach schlecht, seine Lektüre unerfreulich. Dessen ungeachtet verraten Floskeln in der gesprochenen Sprache etwas über die Person, die sie äußert. Kolleginnen und Kollegen, Leute im Fernsehen, Politiker, Leute auf der Straße, in Geschäften, auf Partys, auf Vernissagen, bei Buchbesprechungen. Die Floskeln verraten eine Schwäche, eine Distanz oder zu große Nähe zur Sache oder Person, Unsicherheit in einer Situation und so weiter und so weiter, es gibt tausend Möglichkeiten. 

    Überflüssige Wörter zeigen einen Sprung, einen Riss in der Fassade, der angestrebten perfekten Erscheinung. Schwäche ist menschlich, erzählt eine Geschichte, lässt weiterdenken, verbreitet ein Flair, stellt Nähe her. Daher meine Begeisterung für die die immer neuen Erfindungen der Unsicherheit, deren Urbild das Stammeln des Verliebten ist.

    Schreiben und Identität

    Schreiben bedeutet, Identität ist brüchig geworden, der Autor kämpft darum, sich seiner selbst, seiner Person wieder habhaft zu werden, im wortwörtlichen Sinn. Er kann das nur übers Schreiben. Schreiben setzt die Bruchstücke wieder zusammen, die im Alltags-, Berufs-, Privatleben verschüttgegangene Persönlichkeit. In diesem Sinne ist Schreiben ein Wiederfinden, wenn nicht Therapie und Heilungsprozedur. Ohne Begriff von sich selbst – und mit ‚Begriff’ ist hier auch ein Gefühl gemeint -, ohne diese Persönlichkeitsmelodie, die in allem mitschwingt, was Menschen tun, ist das Leben nicht auszuhalten. Man wüsste buchstäblich nicht, wohin der nächste Schritt zu setzen ist. Für den Autor webt das Schreiben aus den losen Fäden des gesellschaftlichen Lebens ein Muster, einen Stoff. Schriebe er nicht, könnte er sein Selbstgefühl nicht aufrechterhalten. Lässt er sich in Erledigungen, Verpflichtungen, Ablenkungen reißen, kommt er sich selbst abhanden. Nicht nur Schreibfluss, Inspiration, auch Hellsicht, Witz, Originalität der Person gehen verloren. Selbst wenn er dann Zeit und Muße hat, fällt ihm nichts mehr ein. Er wüsste nicht worüber schreiben.

    Er kommt an einen Punkt, da gibt es keine Ausrede, keinen Ausweg mehr. Die Fragmente müssen gesucht, zusammengesetzt, die Melodie neu erfunden werden. Das ist immer auch prekär. Das Gelingen steht auf der Kippe. Es ist dem Text anzusehen, wieviel Dringlichkeit mit seiner Entstehung verbunden war. Ob er notwendig oder gleichgültig ist. So viele Texte, die geschrieben sind, um anderen einen Gefallen zu tun, ein Buch zu füllen, einen Auftrag zu erledigen, Gefallen zu erregen, Eindruck zu schinden. Notwendige Texte dagegen tanzen am Abgrund.