Ein Anwendungsbeispiel des autofiktionalen Schreibens:
Das Buch ist hauptsächlich während dreier Schreibphasen entstanden. Seit 1983 studierte ich in Frankfurt Philosophie und Germanistik, später auch lateinische Philologie, und neben Referaten für die Uni verfasste ich von Anfang an auch literarische Texte. Die beiden längsten Kapitel des Buches, »Dada« und »Junger Mann« (das anfangs schlicht »Dada 2« hieß), entstanden zuerst, um meine Erinnerungen an meinen Vater (er starb 1978 im Alter von 43, ich war 16) festzuhalten. Über die literarische Relevanz war ich mir nicht sicher. Ich erinnere mich aber an eine Lesung im Frankfurter Dreikönigskeller, wo ich Passagen der Texte vortrug und positive Resonanz aus dem Publikum erfuhr. In den Neunzigern tippte ich die Texte mehrfach ab und erweiterte sie. Für eine Erzählung waren sie zu lang, für ein Buch zu kurz, also blieben sie erst einmal liegen.
Zweite Phase: Um 2017 herum lernte ich den Größenwahn-Verlag und seinen Verleger Sevastos Sampsounis kennen. Er ermunterte mich, Erzählungen aus meiner Kindheit und Jugend für einen Erzählungsband zu verfassen. Zwangsläufig tauchte darin auch mein Vater auf, auch wenn der Schwerpunkt ein anderer war. Für dieses – dann nicht zustande gekommene – Projekt entstanden z. B. die Kapitel »Kaum zu glauben«, »Timeout«, »Heiße Räder« und »Parallelwelten«. Auch wenn diese Texte autobiografisch geprägt sind, verdankt sich ihre Entstehung doch, anders als die Texte der Achtziger, einem genuin literarischen Vorhaben. »Nacht, Raum, Entscheidung«, die Erzählung, die dann das Anfangskapitel des Buches wurde, reichte ich für den Würth-Literaturpreis ein, und sie schaffte es 2017 in die Auswahl für die jährliche Anthologie.
Dieser Text inspirierte auch die dritte Phase der Entstehung des Buches. Denn er erzählt einen familiären Moment nach dem Tod des Vaters. Die Frage, was nach und aufgrund des Schicksalsschlages mit der Familie passierte, eröffnete ein weites Feld der literarischen Bearbeitung, nachzulesen ab dem Kapitel »Weiter« bis zum Ende des Buches, und führte 2022 auch zur Vision des ganzen Buches, in der alle genannten Texte sowie auch die um die Vaterperson kreisenden Traum- und Phantasie-Erzählungen, die über die Jahrzehnte entstanden waren, plötzlich einen Sinn als Ganzes, als Komposition machten. Ohne diese literarische Gesamtschau wäre es nicht zum Buch und zur Bezeichnung »Roman« gekommen. Im Sinne dieser Leitidee, die damals »Leerstelle Vater« hieß, überarbeitete ich alle Texte mehrfach, entschied mich auch für das historische Präsens. Das Ganze schickte ich an mehrere Verlage, und es freut mich sehr, dass gerade so ein junger, experimentierfreudiger Verlag wie kul-ja! publishing sich für das Manuskript begeisterte.
Eine Schwierigkeit entstand allerdings, als der Roman schon fertig und vom Verlag angenommen war. Eine wichtige Person wollte nicht im Text vorkommen. Ein Schlag ins Kontor! Das Herausschreiben war dann – immer aus literarischer Sicht, denn einen autobiografischen Sinn hatte das Buch schon längst nicht mehr – keine ganz einfache Operation. Es entstanden Unwuchten, bestimmte Motive (zum Beispiel das Stockbett) mussten neu beschrieben und bewertet, Situationen nicht nur gestrichen, sondern neu erfunden, neu geschrieben werden. Realität, oder die Frage, wie es wirklich war, spielte hier keine Rolle mehr, nur noch im Sinne der Stimmigkeit, des nachvollziehbaren Zusammenhangs des Ganzen.
Jedes neue Buch verdankt sich älteren Büchern. Daher möchte ich meine Einflüsse während dieser 30, inzwischen fast vierzig Jahre, in denen DADA entstand, nicht unerwähnt lassen. Ich hatte, wenn ich es genau rekapituliere, einen gewissen Hang zu Autoren (Autorinnen natürlich mitgemeint), in deren Werk Autobiographisches und Autofiktion eine große Rolle spielen. Noch aus dem elterlichen Bücherschrank griff ich die Briefe und das Tagebuch von Felix Hartlaub (erschienen Mitte der fünfziger Jahre), die einen unverstellten Blick auf den Alltag und das Soldatenleben im Krieg vermittelten. Früh inspirierten mich dann die beiden sehr unterschiedlichen Tagebücher von Max Frisch (die »Tagebuch« heißen, eigentlich aber autofiktionale Werke sind) aus den fünfziger und Ende der sechziger Jahren. In den Achtzigern entdeckte ich die ergreifende Erzählung »Wunschloses Unglück« von Peter Handke (erschienen 1973), und las später seine tagebuchartigen Aufzeichnungen aus Paris »Das Gewicht der Welt« und Salzburg »Die Geschichte des Bleistifts«. Auch einzelne, stark autobiografisch geprägte Werke wie »Der Mann im Jasmin« von Unica Zürn, später »Weiter leben« von Ruth Klüger, oder »Lügen in Zeiten des Krieges« von Louis Begley prägten Stil und Stoffauswahl für das eigene Schreiben. Wie sehr mir schon damals die literarische Transformation des autobiografischen Stoffs wichtig war, zeigte sich für mich an „Mars“ von Fritz Zorn, einem erschütternden, tragisch endenden Lebensbericht. Die Nähe zur Autobiografie des Autors, ja, das Identischsein mit ihr, war für mich literarisch unbefriedigend. In den Neunzigern waren die Tagebücher von Victor Klemperer: »Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten«, ein wichtiger Einfluss. Hierher gehört auch das ebenfalls unter Lebensgefahr entstandene Stuttgarter Tagebuch von Anna Haag »Denken ist heute überhaupt nicht mehr in Mode«, das allerdings erst 2021 bei reclam erschien. Die nuller und zehner Jahre sind geprägt von den autobiografischen Werken Elias Canettis, »Die gerettete Zunge«, »Die Fackel im Ohr« und »Das Augenspiel«, sowie auch vom autofiktionalen Werk Hermann Lenz‘ mit seinem Alter Ego Eugen Rapp. Auch die Abschaffel-Trilogie Wilhelm Genazinos gehört in diese Phase. Selbst schrieb ich damals ausschließlich Tagebuch. Wieder einen Schritt in Richtung Fiktionalisierung gingen für mich ab Mitte den zehner Jahre die Werke Peter Kurzecks. Übrigens durfte ich den Autor kurz vor seinem Tod in Frankfurt bei einer Lesung erleben, die selbst vor allem eine mündliche »Erzählung« war. Ein Hauch von Kurzecks Stil dürfte auch auf den letzten Kapiteln von DADA liegen, ab Seite 163: »Weiter«. Was ich mit dieser – unvollständigen – Liste wichtiger Einflüsse sagen will: Auch auf mein Buch, das vielleicht einen kleinen Beitrag leistet, trifft der Spruch Bernhard von Chartres‘ von den Zwergen, die nur deshalb etwas sehen, weil sie auf den Schultern von Riesen stehen, voll und ganz zu.
