Schreiben – für wen?

Schreiben – für wen?

„Denn kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft.“ (Walter Benjamin in „Die Aufgabe des Übersetzers“)

„Wir schreiben doch sowieso nur für uns selbst!“ Die Bemerkung einer Schriftstellerfreundin, die in ihrer Bestimmtheit, aber auch Einseitigkeit bei mir vielleicht ein inneres Abwinken bewirkt hätte, à la ‚Das habe ich jetzt nicht zum ersten Mal gehört, trotzdem will ich meine Texte publizieren und nicht nur für mich selbst behalten‘ – diesmal löste der Satz etwas in mir aus, ein Innehalten und eine Art Ehrgeiz, mir darüber einmal richtig Rechenschaft abzulegen, warum es mir nicht egal ist, ob meine Schreibereien in der Schublade verstauben oder von anderen gelesen, und, wenn es gut läuft, erspürt und wertgeschätzt werden. Ich empfand einen tiefen Zwiespalt, oder eine Zwiespältigkeit, die wohl in der Sache, dem Schreiben, selbst begründet ist. „Ja und nein“, signalisierte ich der Freundin erst einmal, womit sie sich für den Moment zufrieden gab. 

Ja, klar schreibe ich für mich selbst, weil das Gefühl, einen selbst fabrizierten Gedanken, eine selbst fabrizierte Formulierung zu Papier gebracht zu haben, ganz unvergleichlich ist. Befriedigung und Stolz, Zärtlichkeit und Fürsorge wie für ein eigenes Kind. Eine Geschichte (einen Essay , ein Gedicht, einen Roman) abzuschließen, übertrifft diese Erfahrung noch um ein Vielfaches. Das Empfinden einer Stärke, Ruhe, Zufriedenheit das mich nicht nur Im Moment des Verfassens erfasst, sondern Stunden, Tage, Monate anhält. Eine Spur der tiefen Sinnerfahrung, die das Schreiben schenkt, trage ich noch von den ersten Texten aus eigener Feder in mir. Schreiben ist Gott in sich spürbar machen. Da ist es nur natürlich, diese Erfahrung auch anderen mitteilen zu wollen, oder? Womit der Spruch, dass wir nur für uns selbst schreiben, schon widerlegt wäre. Aber mit der Natürlichkeit einer Sache kann man alles und nichts begründen, also nichts.

Als „freier“ Autor ohne Auftrag diktiert mir niemand, was ich schreiben soll (außer vielleicht Klischeevorstellungen, die mir, einmal erkannt, das Vergnügen am vorgeblich eigenen Gedanken schmälern). Den Stolz der eigenen Produktion habe ich erst einmal für mich allein. Dass ich die Begeisterung am eigenen Text teilen möchte, ist Kehrseite derselben Medaille. Warum eigentlich, könnte man fragen, warum kann ich nicht die Füße stillhalten und mich mit der – für mich – gelungenen Produktion zufrieden geben? Lehren nicht die Erfahrungen der Zurückweisung, Gleichgültigkeit, oder der unqualifizierten Beurteilung, die jeder Autor zeitweise ertragen muss, wenn er seine Werke dem Publikum zugänglich macht, führen solche Erfahrungen nicht dazu, das Publizieren Hartleibigeren zu überlassen und sich ganz auf die persönliche Begeisterung und Sinnerfahrung beim Verfassen von Texten zurückzuziehen? 

Die Sprache ist nun mal ein gemeinsames Gut, sie ist ein Kulturgut, das wir uns allmählich aneignen, nicht wie die Stimme, die angeboren ist. Und wenn es um Kreativität und die Tätigkeit des Autors / der Autorin geht, reden wir ja nicht von einer Art Drogenerfahrung, sondern vom Erschaffen von Werken, die im gemeinsamen Medium der Sprache entstehen (so wie auch andere Künste das Material gemeinsamer Eindrücke organisieren). Der Stolz aufs eigene Werk erhält mit der Zeit einen schalen Beigeschmack, wenn er nicht, zumindest versuchsweise, mit anderen geteilt wird. Sei auch die Begeisterung noch so groß, so ist mit ihr der Zweifel verschwistert, ob mich nicht doch nur ein Surrogat verblendet, oder ob es mir mit dem Werk gelungen ist, die Menschheit wenigstens ein Stückweit aus dem Tal der Belanglosigkeit zu führen. Entscheidend ist: Diese Frage können nur andere beantworten.

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