Vertrau den ungenauen Zeichen

Lesung am 30. Januar 2020 in der Hofbibliothek Aschaffenburg mit den Main-Reimern. Beeindruckend, wie voll der Saal war, anders als in den zurückliegenden Jahren, wo die Zahl der Vortragenden nur knapp die der Zuschauer unterbot. Um die 60 Frauen und Männer kamen zur Jahreslesung des „Verein zur Förderung der Dichtung am Untermain“. In der Mehrzahl Ältere, einige auch jünger als die Vortragenden. Ein Erfolg, wenn auch nicht der überwältigende, den die Poetry Slams Ende neunziger, Anfang der nuller Jahre gerade bei jungen Leuten hatte. Das war ja nach der Literaturflaute der End-Achtziger und beginnenden Neunziger eine wahre Revolution. Die Slams aber werden in den letzten Jahren, trotz des anhaltenden Erfolgs bei jungen Leuten und in den Medien, immer schematischer, zugleich professioneller und beliebiger. 

Was bewegt die Leute, eine Poesiedarbietung zu besuchen, bei der es nicht in erster Linie um Ablenkung und Unterhaltung, nicht um Wettbewerb wie bei den Slams, nicht um die besten Schenkelklopfer und die schrillsten Lacher geht? Angesichts der gesellschaftlichen Brüche, der Umweltsituation, der besorgniserregenden Weltlage mit populistischen oder revanchistischen Politikern und Parteien an der Macht, und das in Demokratien, die bisher als wegweisend galten, angesichts dieser steigenden und sich ausbreitenden Unsicherheit und Verdunkelung wächst das Bedürfnis nach Halt, Orientierung, einer ausgestreckten Hand.

Kann das Lyrik bieten? In ihr geht es nicht um Erklärung, schon gar nicht um ein fest gefügtes Weltbild, das schon Politik und Religion zur Genüge verbreiten. Es herrscht eine große Müdigkeit, eine Gleichgültigkeit gegenüber Erklärungsmustern, die aus Weltbildern erwachsen. Lyrik schert sich nicht um Ideologien und kann gerade deshalb so erhellend sein. Es geht um die flüchtigen Ideen, Gedanken, Eindrücke, für die ein Weltbild-Vertreter keine Antennen hat, die aber, gebannt als literarische Form, Schneisen in den Dschungel eines verbauten, gefährdeten und ausgelaugten Lebens schlagen. Dichtung bietet diese kurzen Ausblicke, nicht Lösungen, nur Andeutungen einer Richtung, an die vorher niemand dachte. Das ist das Ermutigende, das Denken über den Tellerrand, die Fesseln sprengende Wahrnehmung, womit uns die Lyrik beschenkt. In der verhärteten Welt der Welterklärer erlebt die Lyrik so, als Statthalter der Aufklärung, eine unerwartete Renaissance.

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