Spinnfaden-Poetik

Gute-Laune-Schriftstellerei ist nicht mein Talent. Ich winke nicht mit bunten Fetzen. Bin nicht leicht wahrnehmbar, geschweige wertzuschätzen in einer Szene, literarischen, kulturellen Szene, wo es ums Auffallen, Laut-sein, Grell-sein geht. Die Schockelemente zählen. Originalität bemisst sich an Anstößigkeit. Selbst wenn ich wollte, kann das, wird das nicht meine Welt sein. Einlassen muss man sich aber schon. Wie Spinnfäden schweben meine Sätze durchs Land, schimmern in Regenbogenfarben, definieren ein Bild, formen ein Gelände. Verfangen sich, Haltepunkte ermöglichen Hinschauen, Spüren, ein Glühen, ein Regesein. Fäden der Aufmerksamkeit werden ausgeworfen, es formt sich ein Netz, ein Bild. Wenn du nur liest, dann hab ich dich!

Überflüssige Wörter

Eigentlich. Im Grunde. Sozusagen. Ehrlich gesagt: Mich inspirieren die überflüssigen Wörter, denn sie erzählen etwas über die Person, die sie verwendet. Über die gemeinte Aussage hinaus kommunizieren Menschen auch über Halbsätze, abgebrochene Sätze, überflüssige Worte. Die sind also in Wahrheit gar nicht überflüssig. Mindestens ebenso interessant wie der semantische Inhalt einer Aussage ist doch sein performativer Sinn, ist der künstlerische, ästhetische Ausdruck, der damit verbunden ist. Wie eine Aussage verstanden werden kann, das kommt auch immer auf die Situation, den Erzählzusammenhang, den Satzzusammenhang an. 

Für mich als Autor sind überflüssige Wörter willkommenes Material. In meinem „Klartext“ setzte ich die Floskel „Ich sag mal“ so übertrieben ein, dass daraus ein Rhythmus und eine Geschichte entstand. Das war ein Glücksfall, und es gelingt mir nicht mit allem überflüssigen Zeugs, was tagein, tagaus geredet wird, funktionierende Sprechtexte zu komponieren. 

Ich horche auf, wenn ich Floskeln höre. Sicher: Ein literarischer, geschriebener Text, dem dauernd Floskeln unterlaufen, ist einfach schlecht, seine Lektüre unerfreulich. Dessen ungeachtet verraten Floskeln in der gesprochenen Sprache etwas über die Person, die sie äußert. Kolleginnen und Kollegen, Leute im Fernsehen, Politiker, Leute auf der Straße, in Geschäften, auf Partys, auf Vernissagen, bei Buchbesprechungen. Die Floskeln verraten eine Schwäche, eine Distanz oder zu große Nähe zur Sache oder Person, Unsicherheit in einer Situation und so weiter und so weiter, es gibt tausend Möglichkeiten. 

Überflüssige Wörter zeigen einen Sprung, einen Riss in der Fassade, der angestrebten perfekten Erscheinung. Schwäche ist menschlich, erzählt eine Geschichte, lässt weiterdenken, verbreitet ein Flair, stellt Nähe her. Daher meine Begeisterung für die die immer neuen Erfindungen der Unsicherheit, deren Urbild das Stammeln des Verliebten ist.

Schreiben und Identität

Schreiben bedeutet, Identität ist brüchig geworden, der Autor kämpft darum, sich seiner selbst, seiner Person wieder habhaft zu werden, im wortwörtlichen Sinn. Er kann das nur übers Schreiben. Schreiben setzt die Bruchstücke wieder zusammen, die im Alltags-, Berufs-, Privatleben verschüttgegangene Persönlichkeit. In diesem Sinne ist Schreiben ein Wiederfinden, wenn nicht Therapie und Heilungsprozedur. Ohne Begriff von sich selbst – und mit ‚Begriff’ ist hier auch ein Gefühl gemeint -, ohne diese Persönlichkeitsmelodie, die in allem mitschwingt, was Menschen tun, ist das Leben nicht auszuhalten. Man wüsste buchstäblich nicht, wohin der nächste Schritt zu setzen ist. Für den Autor webt das Schreiben aus den losen Fäden des gesellschaftlichen Lebens ein Muster, einen Stoff. Schriebe er nicht, könnte er sein Selbstgefühl nicht aufrechterhalten. Lässt er sich in Erledigungen, Verpflichtungen, Ablenkungen reißen, kommt er sich selbst abhanden. Nicht nur Schreibfluss, Inspiration, auch Hellsicht, Witz, Originalität der Person gehen verloren. Selbst wenn er dann Zeit und Muße hat, fällt ihm nichts mehr ein. Er wüsste nicht worüber schreiben.

Er kommt an einen Punkt, da gibt es keine Ausrede, keinen Ausweg mehr. Die Fragmente müssen gesucht, zusammengesetzt, die Melodie neu erfunden werden. Das ist immer auch prekär. Das Gelingen steht auf der Kippe. Es ist dem Text anzusehen, wieviel Dringlichkeit mit seiner Entstehung verbunden war. Ob er notwendig oder gleichgültig ist. So viele Texte, die geschrieben sind, um anderen einen Gefallen zu tun, ein Buch zu füllen, einen Auftrag zu erledigen, Gefallen zu erregen, Eindruck zu schinden. Notwendige Texte dagegen tanzen am Abgrund.

Lob des Halbwissens

Wir sollten uns vom Expertenwissen nicht einschüchtern lassen und unser Halbwissen, unser Teilwissen, unser Alltagswissen, unsere kleinen Wissensinseln im Meer des Wissensmöglichen wieder zugänglich machen für den gesunden Menschenverstand. Hilfe, der gesunde Menschenverstand! Für welche dumme bornierte, kleingeistige, vorurteilsgeladene Politik und Ideologie muss der gesunde Menschenverstand herhalten. Oder gar das gesunde Volksempfinden! So meine ich es nicht. Im Gegenteil. Das Spezialwissen soll seinen Ort als Korrektiv gegen Irrtümer der alltäglichen Verständlichkeit behalten. Aber es gibt auch eine Spezialisierung aufs Generelle, die gegen die jeweilige Hausmacht der Spezialdisziplinen ins Hintertreffen zu geraten droht. Nach dieser Auffassung sollte der gesunde Menschenverstand nicht fehlendes Spezialwissen ersetzen, sondern eine Perspektive auf schwierige gesellschaftliche Themen eröffnen, die sich ihrer beschränkten Wissensquellen bewusst ist, aber ihren Mangel an Spezialisierung dennoch als Qualität des generalisierenden Zugangs selbstbewusst zur Geltung bringt. Was lässt sich aus dieser Perspektive zur Atomkraft, zur Finanzkrise, zum Rechtsradikalismus, zur Bildungsdebatte, zum Streit um erneuerbare Energien, zum Klimawandel, zum weltweiten Wiedererstarken des Nationalismus und Militarismus beitragen? Für Nichtspezialisten sollte es für die Angelegenheiten unserer Zeit keine voreiligen Barrieren geben und der Vorwurf der Unterkomplexität nicht greifen. Der Grat ist schmal. Der Ideologe oder Populist, der mit einfachen Wahrheiten wider besseres Wissen auf Stimmenfang geht, verrät den gesunden Menschverstand. Im Generalisieren aber, das interessefrei bleibt und auf Erkenntnisgewinn aus ist, erhält die politische und gesellschaftliche Debatte einen Zugewinn an Alltags- und Lebensweltwissen, das die Betroffenen aus ihrer Lethargie befreien und zu Akteuren des gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Handlungsraumes machen könnte.