Autofiktion

Ich möchte den Begriff der Autofiktion aus der Perspektive der Schreibenden, nicht der Lesenden oder Wissenschaftler begreifen. Es kommt mir auf die Motivation an, in bestimmter Weise zu schreiben oder nicht, sowie die praktischen Implikationen für Schreibende, die aus einer Entscheidung zur Autofiktion folgen. Als Kontrastfolie dient hier die Autobiografie.

Die Autobiografie ist der Wahrheit verpflichtet, der autofiktionale Text der Wahrhaftigkeit. Für die Autobiografie sollten die Schreibenden zur Not Archivarbeit betreiben oder Zeitzeugeninterviews führen, um der Wahrheit, die ihnen selbst womöglich nicht mehr präsent ist (zum Beispiel für die Zeit der Kindheit), auf die Spur zu kommen. Das können autofiktional Schreibende ebenfalls tun, aber sie füllen die entsprechenden Leerstellen in der Erinnerung eher durch Fiktion, solange sie nur dem retroaktiven Gefühl für diese Periode entspricht.

    Gute Autobiografien sind auch literarisch gute Texte. Sollten sie es nicht sein, haben sie trotzdem einen gewissen dokumentarischen Wert, besonders,  wenn sie in  einen wichtigen historischen Zeitraum fallen, für den es autobiographische Zeugnisse braucht.  Autofiktionale Texte dagegen spekulieren aufs Ganze: Sind sie literarisch nicht überzeugend, fällt ihr Wert als Dokument ins Bodenlose. Daher ist für autofiktional Schreibende literarische Qualität die einzige Währung, womit ihre Texte zu messen sind und daher legen sie darauf höchsten Wert.

    Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist das der Vollständigkeit. Autobiografien umfassen möglichst vollständig die Lebensspanne bis zum Zeitpunkt, an dem sie geschrieben werden. Sie haben als Auslöser oft einen Bruch im Leben, auf hin den sie dann geschrieben werden. Autofiktionale Texte können bewusst nur einen Teil oder Aspekt des eigenen Lebens thematisieren. Situationen, Ereignisse und Personen interessieren in autofiktionalen Texten nur, insoweit sie exemplarisch sind, das heißt beispielhaft stehen für Ereignisse einer ganzen Generation oder historischen Epoche, für die Menschen einer ganzen Gesellschaft.

    Die Entwicklung von der Biografie zur Fiktion resultiert auch aus der Einsicht, dass es die eine, wahre, objektive Lebenserzählung, die auf etwas fußt, was schon vorhanden ist, nicht gibt. Jede Erzählung vom eigenen Leben ist in diesem Sinne fiktional. Das eröffnet autofiktionalen Texten ein weites Feld literarischer Gestaltung. Sie können als Fantasy, als Krimi, als Bericht, als Traumerzählung, als Zukunftsvision, auch als Gedicht daherkommen. Allerdings können daraus auch Konflikte entstehen. Da der Anteil literarischer Gestaltung bei der Autofiktion höher ist, können sich dargestellte Personen falsch, zu intim, missgünstig oder verzerrt dargestellt fühlen und vom Autor verlangen, dies zu ändern. Im schlimmsten Fall kann es bei schon erschienenen Büchern zu gerichtlich verfügten Schwärzungen aufgrund der Verletzung von Persönlichkeitsrechten kommen. Bei autofiktional Schreibenden kann dies auch zu einer Art Selbstzensur führen, indem sie über bestimmte Ereignisse oder Personen nicht schreiben, weil das zu Konflikten mit Betroffenen führen könnte. Diese Gefahr besteht bei der mehr auf Objektivität zielenden, andererseits weniger authentischen und subjektiven Autobiografie weniger. Dieser Aspekt beleuchtet klar die Grenzen der Autofiktion, wenn es um literarische Freiheit geht.

    Nochmals zum  Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Sollte ein Leser / Wissenschaftler wissen wollen, wie es denn wirklich gewesen ist, greift er eher zur Autobiografie als zum autofiktionalen Text. In punkto Wahrheit und Wahrhaftigkeit besteht allerdings keine strikte Trennung zwischen beiden Genres. Eine Autobiografie überzeugt nicht ohne Wahrhaftigkeit, sie sollte keine reine Aufzählung von Fakten sein, ohne die Motive und die Sichtweise des Schreibenden wenigstens transparent zu machen. Und ein autofiktionaler Text entstünde nicht ohne den biografischen Stoff und die durch bestimmte Lebenssituationen bedingte Dringlichkeit. Er entfernt sich dann aber mehr oder weniger von der biografischen Basis, indem er seiner literarischen Vision folgt. Allerdings: So wie keine Autobiografie ohne gelungene literarische Gestaltung auskommt, kommt generell kein literarischer Text ohne die persönliche, biografisch lesbare, Dringlichkeit und Verbundenheit mit der Person der Schreibenden aus, unabhängig davon, ob ein autofiktionaler oder „rein“ literarischer Text ohne Verbindung zur Biografie des Schreibenden entsteht. In der Diktion, der „Handschrift“, dem Stil, der Stoffauswahl bleiben immer die Personen der Schreibenden im Text präsent.

    Autobiografien entstehen aufgrund bestimmter lebensgeschichtlicher Ereignisse, zum Beispiel dem nahenden Lebensende oder, wie oft bei Promis, aufgrund eines überragenden Publikumsinteresses. Sie müssen allerdings nicht Teil des Buchmarkts werden. Anders als Lebenserinnerungen von Prominenten oder Politikern kann das Zielpublikum von privaten Autobiografien auch die eigene Familie oder künftige Generationen sein. Autofiktionale Texte dagegen verdanken sich einer genuin literarischen Vision, die auf ein Publikum gerichtet ist. Das kann eine Erzählung des gesamten Lebens sein, aber auch bestimmte Aspekte oder Zeitspannen der Biografie herausgreifen, die dann auch nicht unter dem eigenen Namen firmieren müssen. Autofiktion ist frei, sich der gesamten Palette literarischer Genres zu bedienen. Dennoch basieren diese Texte auf der eigenen Biografie, sind ohne sie nicht denkbar.

    Gegenüber reinen Phantasieerzählungen versprechen autofiktionale Texte eine hohe Glaubwürdigkeit, da sie zumindest Anteile von biografisch Erlebtem enthalten. Die Autobiografien, die eigene oder auch Elemente anderer Lebensläufe enthalten, dienen also, ohne selbst als solche in Erscheinung zu treten, für autofiktionale Texte wie ein Steinbruch, der viel vom Material enthält, das den autofiktionalen Text ausmacht. Aber wie die Steine des Steinbruchs das Gebäude, das daraus entsteht, nicht in sich tragen, fügt der autofiktionale Text der Autobiografie Aspekte hinzu, die nicht in ihr enthalten sind. Er formt etwas Neues.

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